INFOBAUSTEIN: ALTERNATIVE FINANZIERUNGSFORMEN
1. Was sind alternative Finanzierungsformen und welche Rolle spielen sie in der Landwirtschaft?
Alternative Finanzierungsformen sind Wege der Kapitalbeschaffung außerhalb klassischer Bankkredite und öffentlicher Zuschüsse. In der Landwirtschaft ermöglichen sie Betrieben Zugang zu Kapital – mit direkter Kundenbeteiligung, regionalem Bezug und oft starker gemeinschaftlicher Ausrichtung. Diese Modelle stärken die Bindung von Kunde zu Betrieb und häufig die Motivation der Betriebsleiter. Sie können Innovationen sowie Betriebsentwicklung vorantreiben.
2. Welche Arten von alternativen Finanzierungsformen gibt es?
- GENUSSRECHTE & ATYPISCHE NACHRANGDARLEHEN: Investoren werden „stille“ Teilhaber, erhalten meist eine feste oder in Naturalien ausgezahlte Rendite, tragen aber auch Verlustrisiken. Genussrechte sind eigenkapitalähnlich strukturiert und stehen im Rang hinter anderen Gläubigern. Genussrechte unterliegen der BAFin (Bundesaufsicht für Finanzen). Ausnahmeregelungen ermöglichen es Betrieben, ohne Prospektpflicht und rechtssicher Gelder zu akquirieren. Geeignet für alle Arten von Investitionen, insbesondere auch für höhere Investitionen als Ergänzung zu Krediten und Förderungen.
- GENUSSGUTSCHEINE/VORAUSZAHLUNG ZUKÜNFTIGER EINKÄUFE: Kunden zahlen jetzt für künftige Einkäufe und erhalten dafür Gutscheine, die sie über Jahre einlösen. Die Rückzahlung erfolgt ausschließlich in Waren oder Dienstleistungen, eine Verzinsung bzw. Rabattierung ist möglich. Diese Art eignet sich besonders zum Einstieg in die Direktvermarktung, wenn diese während des Aufbaus eine Überproduktion erwarten lässt.
- CROWDFUNDING: Viele Einzelpersonen investieren kleinere Beiträge via spezialisierter Online-Plattformen, um landwirtschaftliche Projekte zu unterstützen. Diese Finanzierungsform ist besonders für innovative oder gemeinwohlorientierte Projekte mit eher geringerem Kapitalbedarf geeignet.
3. Eignungs-Checkliste
- Erzeugnisse und Dienstleistungen als Gegenleistung, die beim Endkunden nachgefragt sind, vor allem Lebensmittel (Käse, Wurst, Brot, Grundnahrungsmittel, Weidefleisch, aber auch Raritäten im Anbau)
- Bestehender, motivierbarer Kundenstamm und/oder Netzwerk von Unterstützern. Netzwerk in der Region und Bereitschaft zu Pressearbeit.
- Bereitschaft und Fähigkeit, offen und transparent mit (potenziellen) Investoren zu kommunizieren.
- Solide betriebswirtschaftliche Planung und tragfähiges Geschäftsmodell des zu finanzierenden Vorhabens.
- Bereitschaft zu organisatorischem Mehraufwand (z. B. Anlegerverwaltung, Veranstaltungen).
- Klare Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingungen und Risiken.
- Wirtschaftliche Tragfähigkeit des Betriebs ist gewährleistet (ggf. durch externe Beratung prüfen).
- Positive Einstellung zu intensiver Kundenbindung und Transparenz.
- Bereitschaft zu externer Begleitung erhöht die Aussicht auf Erfolg und betont die Seriosität des Vorhabens.
4. Vergleich der wichtigsten Finanzierungsformen
| Kriterium | Genussrechte | Genussgutscheine/Vorauszahlung | Crowdfunding |
|---|---|---|---|
| Vorhaben | Langfristige Investitionen in neue Betriebszweige, Verbesserung vorhandener Infrastruktur (z.B. Neubau Stall, Käserei, Hofladen) | Einstieg in Erzeugung & Verarbeitung mit Produktionsüberschüssen am Beginn und hohem Bedarf an Neukunden (z.B. Einstieg in Direktvermarktung bei Weidefleisch) | Geringere Investitionen mit hohem ideellen Wert und fehlender Wirtschaftlichkeit |
| Rechtliche/steuerliche Voraussetzungen | Komplex, BaFin-Hinweise, Totalverlustrisiko, Vertrag notwendig | Gering, da keine Vermögensanlage, einfacher Vertrag notwendig | Plattform-AGB, oft geringe Komplexität |
| Kapitalbedarf | Eignet sich für mittlere/große Investitionen | Begrenztere Beträge, da orientiert am Warenkonsum und Größe des Kundenkreises. | Flexibel; meist eher kleinere, ideelle Vorhaben |
| Aufwand für den Betrieb | Hoch (Unterlagen, Kampagnenarbeit, Verwaltung automatisiert) | Hoch (Kampagnenarbeit, Verwaltung der Gutscheine) | Hoch (Kampagne, Kommunikation über Plattform) |
| Effekt auf Liquidität | Entlastet, da Tilgung meist nachgelagert | Meist schnelle Rückführung durch Warengutscheine, Engpässe vermeiden | Einmalig hoher Aufwand bei Erfolg |
| Kundenbindung | Sehr hoch, starke emotionale Bindung | Hoch zur Gewinnung und Bindung von Stammkunden | Schwächer und punktuell, da meist einmalige Aktion |
| Höhe eingeworbenes Kapital | Potenziell hoch, abhängig vom Projekt | Begrenzt, setzt regionale Nachfrage voraus und wird von dieser begrenzt | Eher gering, da viele kleine Spenden |
| Risiko | Höheres Anlagerisiko für Investoren, Totalverlust möglich | Geringer (Warenbezug im Vordergrund) | Kein Risiko |
| Sonstiges | Starke Kundenbindung und Kundengewinnung möglich | Besonders als Instrument der Erst-Kundengewinnung und Bindung für Bestandskunden | Besonders zur Finanzierung kleinerer, ideeller Projektvorhaben |
5. Grober Ablauf einer alternativen Finanzierungsform (am Beispiel Genussrechte)
- Betriebliche und persönliche Voraussetzungen prüfen (mit Betriebsberater)
- Investitions- und Finanzierungsplanung durchführen.
- Konditionen festlegen (Laufzeit, Tilgung, Verzinsung).
- Juristisch geprüfte Vertrags- und Informationsunterlagen erstellen.
- Kampagne in der Öffentlichkeit, Aktivierung des bestehenden Kundenstamms für die Finanzierung.
- Informationsveranstaltung (Kick off) und Betriebseinblicke.
- Verwaltung der Einlagen und Anleger durchführen
- Am Ende der Laufzeit Rückzahlung gemäß Vereinbarung (Geld/Naturalien).
Hinweis: Die Auswahl der passenden Finanzierungsform sollte anhand des Vorhabens, der Unternehmerpersönlichkeit, des Kapitalbedarfs und der potentiellen Zielgruppen erfolgen.
Der Inhalt wurde von Petra Wähning, GenussInvest GmbH, erstellt.
Hinweis:
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