DIE GESCHICHTE EINES QUEREINSTIEGS IN DIE LANDWIRTSCHAFT

Familie Neumaier Portrait



HOF-STORY: DER VOGLHOF

Drohnenaufnahme Voglhof

BETRIEBSFORM: Nebenerwerb

WIRTSCHAFTSWEISE: konventionell

ARBEITSKRÄFTE: 2

BETRIEBSGRÖSSE:
4,7 Hektar Grünland
2,9 Hektar Wald

BETRIEBSZWEIGE:
Direktvermarktung Fleisch
Produktion Fruchtaufstriche + Sauerkonserven
Bildungsprogramme für Erwachsene + Kinder



Alles außer Bauernhof – und dann doch

Heimat Schild in Efeu

Karin Neumaier ist Siedlungskind und als sie auf den Hof ihres Mannes zog, war eines klar: alles, aber kein Bauernhof. Heute steht sie jeden Morgen im Stall, kocht saisonale Fruchtaufstriche ein, leitet Erlebniskurse für Schulklassen und führt Erwachsenengruppen durch einen Betrieb, den sie und Tobias in fast zehn Jahren gemeinsam aus dem Dornröschenschlaf geholt haben.


Schlafende Höfe soll man wecken

Haus mit Vorgarten

Der Voglhof im niederbayerischen Höhenörtchen Gschaid bei Dietersburg ist seit Generationen in Familienbesitz – Tobias' Eltern hatten dort Milchviehhaltung betrieben, bevor der Betrieb jahrzehntelang verpachtet wurde und am Ende weitgehend leerstand: die Felder waren verpachtet, die Gebäude wurden nur in Grundzügen instandgehalten, und die Obstbäume erhielten nur sporadische Pflege. Als Karin und Tobias den Hof schließlich übernahmen, war schnell klar, dass es so nicht bleiben konnte. Ein Hof, der bloß Arbeit macht, ohne etwas zu bringen, ergab auf Dauer keinen Sinn. Ihn abzugeben, war aber auch keine Option. Ihr Leitgedanke war daher: Nutzen, was schon da ist, statt das Rad neu zu erfinden. Zurück zum Ursprung.



Drei Wasserbüffel und eine Fernsehsendung

Bauer mit Wasserbüffel

Tobias hatte 25 Jahre lang nichts mit Tieren zu tun gehabt, Karin als gelernte Zahnarzthelferin erst recht nicht. 2017 starteten sie dennoch mit drei Wasserbüffeln, ohne Businessplan und ohne Marktanalyse. Die Tiere waren kräftiger als gedacht, und die ersten Wochen forderten die Neumaiers körperlich wie mental. Eine Phase intensiven Lernens, in der sie sich nach und nach einarbeiteten. Was viele nicht bedenken, wenn sie in die Landwirtschaft (quer)einsteigen: Man weiß schlicht nicht, wie groß das Arbeitspensum wirklich ist. Schafft man es körperlich, mental, finanziell? Hält die Beziehung das aus? Bei Karin und Tobias hat es sie zusammengeschweißt. Alles, was auf dem Voglhof passiert, entscheiden die Neumaiers gemeinsam.

Wasserbüffel im Stall

Auch der erste Fleischverkauf war holprig, weil Erfahrungswerte und Richtwerte für die Preisfindung fehlten. Und die erste Schlachtung war emotional schwer. Das bleibt sie bis heute, denn Routine wird das für die Neumaiers nie. Geschlachtet wird bewusst nur zweimal im Jahr.









Wissen aufbauen, Netzwerk knüpfen

Landwirtin fasst Obstbaumblüten an

Fachwissen hatten beide am Anfang kaum. Sie bildeten sich fort, lasen sich in jedes Thema ein und bauten sich über Social Media ein Netzwerk mit anderen Wasserbüffelzüchtern auf, die mit Rat und Erfahrung halfen.



„Ohne die Blauäugigkeit hätten wir gar nicht erst gestartet. Auf unser Bauchgefühl zu hören, war der hilfreichste Faktor für uns.“



Landwirt arbeitet an Obstgarten

Zwei Menschen, viel Eigenleistung – und kein einziger Förderantrag. Die Investitionen flossen Stück für Stück, immer so viel wie gerade da war und lagen einzeln betrachtet stets unter den relevanten Fördergrenzen. Tobias arbeitet bis heute Teilzeit außerhalb des Hofes, Karin ist seit zwei Jahren vollständig im Betrieb. Was ihnen hilft: ihre unterschiedlichen Stärken. Tobias denkt in Strukturen und plant, Karin liest sich in alles ein, bis sie es wirklich versteht. Was der eine nicht sieht, sieht die andere.



Vom Marktstand zur eigenen Küche

Fruchtaufstrichgläser stehen neben- und aufeinander in einem Regal

Parallel zu den Büffeln kamen die Fruchtaufstriche, mehr als logische Konsequenz als aus konkreter Strategie, denn die Streuobstwiese stand da und machte Arbeit, egal ob man etwas daraus macht, oder nicht. Also machte Karin etwas daraus. Sie begann im Kleinen, verkaufte erste Gläser auf dem Wochenmarkt und nahm anfangs fünf Euro Gewinn mit nach Hause. Ein Jahr lang. Heute laufen Direktvermarktung, Onlineshop und regionale Handelspartner und es dreht sich viel um Begegnung und Bildung: Führungen, Erlebnis-Workshops und Hofprojekte für Kinder und Erwachsene sind inzwischen der Schwerpunkt und die wichtigste Einnahmequelle des Betriebs. Schulklassen und Erwachsenengruppen kommen auf den Hof, um zu erleben, wie Lebensmittel entstehen. Wenn Kinder nach dem Besuch zuhause vom Hof erzählen, zählt das für Karin mehr als jede Bewertung.

Der Mistery-Mittwoch

Stall mit Heu

Jeden Mittwoch wird gemistet – und geredet. Bei der stupiden Arbeit läuft der Kopf frei und die meisten Ideen entstehen genau dort. Aktuell denken Karin und Tobias über eine Agri-PV-Anlage nach und über Stellplätze für Wohnwagen oder Tiny Houses. Das große Ziel: dass der Voglhof irgendwann beide als Vollerwerbsbetrieb trägt.




Was man mitnehmen kann

Karin und Tobias sind Quereinsteiger und genau das war ihr größter Vorteil. Wer nicht in einer bestimmten Schiene aufgewachsen ist, fragt anders, probiert Dinge aus und findet Lösungen abseits des Gewohnten. Ihr wichtigster Rat: so früh wie möglich in Netzwerke einsteigen, denn das Netzwerk war es, das neue Ideen und Möglichkeiten aufgezeigt hat. Und anfangen, auch wenn der Plan noch löchrig ist. Das erste Jahr ist eine Katastrophe, das zweite meistens auch, aber danach wird es besser. Ihr Motto auf dem Hof lautet: „Scheiß da nix, dann feit da nix.”

Herde Wasserbüffel Drohnenaufnahme von Oben


Der Voglhof

LANDKREIS: Rottal-Inn

REGIERUNGSBEZIRK: Niederbayern

ADRESSE:
Gschaid 5
84378 Dietersburg